Bevor es mit der konkreten praktischen Anleitung für die Pilzzucht losgeht, noch ein paar Hintergrundinfos.

Zersetzer in der Natur

Pilze sind von Natur aus „Ökos“.  In ihrer Rolle als Zersetzer sind sie für den Ab- und Umbau toter Materie zuständig. Pilze sind, neben unzähligen Mikroorganismen und weiteren Bodenbewohnern, die einzigen Lebewesen, die Holz wieder in ihre Ausgangsbestandteile zerlegen können.  Es gibt kein Fleckchen Wald auf dieser Erde, der ohne Pilze leben könnte. Jene Pilze, die für das Recycling zuständig sind, nennt man Saprobionten. Saprobionten ernähren sich von toter organischer Substanz wie Holz, Laub, Reste von Pflanzen bis hin zu Exkrementen.

Ihre Fähigkeit, abgestorbenes oder im Absterben begriffenes Material – wie bei Parasitären Pilzen – abzubauen und zu verwerten,  ist extrem wichtig, da ohne sie die Erde in ihrer eigenen Biomasse ersticken würde. Führt man sich vor Augen, dass wir mit ständig wachsenden Müllbergen konfrontiert sind, kann man nicht umhin, die  geniale Lösung der Natur  beim Recycling zu bewundern.

Bei Pilzen, die Holz abbauen können, unterscheidet man im Wesentlichen zwei Abbautypen:

Manche Pilze zersetzen vorwiegend den Anteil an Kohlenhydraten, bis am Schluss nur mehr ein braunes Pulver übrig bleibt, das als Braunfäule bezeichnet wird. Pleurotus ostreatus, der Austernseitling, einer der bekanntesten Zuchtpilze, gehört zu dieser Kategorie.

Andere wiederum zersetzen vorwiegend Lignin,  Zellulose und Hemizellulose bis nur mehr eine sehe helle, faserige Struktur, die sogenannte Weißfäule, übrig bleibt.

Eine zweite große Gruppe von Pilzen lebt  von  ihrer Fähigkeit, Symbiosen mit Pflanzen  einzugehen. Mykorrhiza gehört zu den ältesten Symbiosen auf unserem Planeten. 80-90% aller höheren Pflanzen leben in einer Art Symbiose mit Pilzen. Die Pflanze gibt organische Kohlenstoffverbindungen aus der Photosynthese an die Pilze ab, und der Pilz unterstützt die Pflanze in der Wasser- und Nährstoffversorgung. Es klingt wie ein Tauschgeschäft: Die Pilze erhalten von den Bäumen zuckerähnliche Stoffe und im Gegenzug unterstützt das Myzel der Pilze, das mit den Wurzelhärchen der Bäume verbunden ist, diese bei der Versorgung mit Wasser und Nährstoffen. Ein großer Vorteil der Mykorrhizierung liegt in einer erhöhten Toleranz gegen Trockenheit, Salze, Schwermetalle und Pathogenen im Boden. Hier finden wir einige gute alte Bekannte wie den Fichtensteinpilz, Boletus edulis oder das „Eierschwammerl“, Cantharellus cibarius.

Ohne diese beiden Eigenschaften von Pilzen, einerseits die Versorgung der Bäume mit wichtigen Nährstoffen und andererseits die Zersetzung von toter und absterbender  Biomasse, wäre Leben nicht möglich.

Haushaltsrestprodukte für die Pilzzucht

Pilze wachsen auf Holz, Sägespänen, Hackschnitzel, Kaffeesatz, ja sogar auf Pappe und Papier. Das kann man sich leicht für die private Pilzzucht in Haus und Garten zu Nutze machen. Meine Mischungen bestehen zu einem großen Teil an Restprodukten. In erster Linie Kaffeesatz, dann natürlich Kaffeehäutchen. Neben Kaffeesatz eignet sich als Substrat noch, Stroh, Strohpellets oder Hackschnitzel aus dem Garten. Verfeinern kann man Substratmischungen noch mit allerlei aus dem Haushalt: Pappkarton, ungedrucktes Papier, Verpackungsmaterial, kleine Schachteln, leere Küchenrollen usw.

Man braucht eigentlich nur Kaffeesatz, Pappkarton und sonstige Papier Reste sammeln, entweder die Pilze  auf Pappe Klonen – oder wem dies  zu aufwendig ist – , die Mischungen mit  gekaufter Pilzbrut vermengen und in geeignete Gefäße füllen. Auch hier kann man allerlei verwenden: Angefangen von alten Blumentöpfen, leeren Plastikübeln wo einst Vogelfutter drin war,  Plastiksäcke für Hundefutter, Schachteln, bis hin zu alten Email-Töpfen oder Blechkübeln. Die Pilze sind keineswegs wählerisch in der Wahl ihrer Gefäße.

Im Grunde äußerst einfach und umweltfreundlich. Sind die Pilze nach zwei, drei Tagen abgeerntet und das Substrat erschöpft, so kommt es auf den  Kompost für die nächste Runde und wird zur Blumenerde. Die Gefäße muss man  natürlich reinigen. Es reicht, sie mit kochendem Wasser zu übergießen und auszuwaschen. Meine Erfahrung ist, dass es keine aufwendigen Desinfektionen braucht! Dann kann es schon wieder losgehen mit dem Sammeln von Küchenabfällen und Verpackungsmaterial, um erneut Pilze anzusetzen.

Die Grundidee der Blue Economy

Dabei ist die Idee, dass sich auf Kaffeesatz und anderen Resten Pilze züchten lassen, kaum ein paar Jahrzehnte alt. Sie wurde in den Neunzigern von chinesischen Wissenschaftlern erforscht.  Derzeit gibt es weltweit auf vier Kontinente verteilt bereits 2.000 Projekte, bei denen Pilze auf Kaffeesatz gezüchtet werden. Kaffeesatz gibt es im Überfluss. Circa 165 Liter Kaffee pro Kopf trinken Deutsche jährlich. Das ergibt natürlich tonnenweise ungenutzten Kaffeesatz als Abfall, da beim Kaffee nur 0,2  Prozent der Inhaltsstoffe tatsächlich in der Kaffeetasse landen.

Die Grundidee, aus Abfallprodukten wieder Verwertbares zu erzeugen, stammt von der Natur selbst: In der Natur gibt es keinen Müll,  alles wird wiederverwertet.  

Diesen Grundsatz macht sich  die Idee der „Blue Economy“ zunutze:
Es geht darum, einen Wert aus dem zu schöpfen, was man in seiner Umgebung zur Verfügung hat.

Gunter Pauli, der das Netzwerk der Blue Economy 1994 gegründet hat, hebt  in dieser Philosophie Recycling und das Regionale hervor. Ein besonderes Steckenpferd dieser Philosophie ist die Pilzzucht auf Abfallprodukten wie Kaffeesatz bei uns oder in anderen Ländern die Pilzzucht auf getrockneten Blättern, Stängeln und Kuhdung. Je nachdem, was regional vorhanden ist, kann als Verwertung für ein Substrat dienen.

Zusätzlich wird beim Pilze Züchten nach dieser Methode kaum Energie verwendet. Die Zutaten sind regional, man braucht weder Strom noch sonst etwas: Feuchtigkeit und  Sonnenlicht genügen, um die Pilze aus den Abfallprodukten sprießen zu lassen. Wichtig sind nur ein paar Grundregeln, die man einhalten muss, dann kann man Pilze in der Wohnung, im Keller, in einem Stiegenhaus, am Balkon und natürlich im Garten züchten.

Hinzu kommen noch das ästhetische Schauspiel des Pilzwachstums und der kulinarische Genuss zahlreicher Pilzgerichte. Den Pilzen in kleinen Töpfen beim Wachsen zuzusehen,  ist die reinste Freude. Es ist immer wieder aufs Neue eine Überraschung, wie schnell sie gedeihen und Form annehmen. 

Nach der Ernte halten frische Pilze, wie die Seitlinge, mindestens  vier, fünf Tage im Kühlschrank.  Auch hier fallen Verpackungsmaterial und jegliche Transportwege weg, da die Pilze vom Balkon oder Garten einfach im  Kühlschrank oder gleich in der heißen Pfanne landen.

Zusammengefasst: Da wächst etwas köstliches heran, man braucht keine Energie, man verwendet Abfallprodukte, es entsteht kein neues Müll, Transportwege und Verpackungsmaterial fallen zur Gänze weg, es ist günstig und das wirklich wichtigste: Die Gerichte mit selbstgezüchteten Pilzen schmecken außergewöhnlich gut.


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